Dialog introspektiv

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Zwei Figuren stehen sich gegenüber, der Mensch als Maß aller Dinge und die Eule als Vertreterin der Weisheit. Beide sind völlig transparent und geben Einblicke in die verschlungenen Strukturen ihres Inneren Aufbaues.
Ganz im Sinne Goethes Faust können diese Skulpturen als die Tragödie des menschlichen Strebens nach vollkommener Erkenntnis gesehen werden. Gemeint ist damit ein Erkenntnisbegriff der Aufklärung, der den Forscherdrang aller Wissenschaften antreibt, nie frei von moralischer Verantwortung.
Die beiden Skulpturen verstehen sich als bewusste Schnittstelle sowohl zwischen Naturwissenschaft und Kunst, Mensch und Natur(-Wissenschaft) als auch zwischen Mythologie und Zukunftstechnologie.
Als Vorlage der skelettierten Plastiken dienten Röntgenschnitte, die nachfolgend künstlerisch auf eine Linienstruktur in perfekter Symmetrie reduziert wurden. Die Einzelschnitte werden so zu grafischen Ornamenten mit multipler Deutung. Obwohl die Einzelformen der Skulptur die Wirklichkeit nachbilden, lässt das Ergebnis Dinge sichtbar werden, die auf keine andere Weise der Anschauung zugänglich wären, denn „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ [Paul Klee] Der introspektive Blick ins eigene Ich ist eine Reise zum Ursprung der Phantasie.
Alle Schnittebenen zusammenfügt ergeben eine Simultandarstellung, die Innen und Außen gleichzeitig sichtbar macht. Die einzelnen Schnittebenen sind durch stark farbige Strich-Codes verbunden, die als neuronale Aktivitäten gelesen werden können. Plastisch ergeben sich daraus hundertfache Vertikalen, die die Binnenräume der Skulptur durchfluten und erfahrbar machen. Es entstehen bizarre Hohlräume mit phantastischen Formen, die sich in der metallischen Oberfläche des Materials erneut brechen und räumlich verdoppeln. Die Gesichtszüge der Büste bleiben dabei schemenhaft erhalten und verweben sich mit den inneren Formen. Die transluzente Halbfigur ist das entmaterialisierte und entpersonalisierte Portrait des Menschen an sich, eines Geistes, der die Natur zu durchdringen versucht.
Bei der Gegenüberstellung humaner und animalischer Körperstrukturen verblüfft ihre Ähnlichkeit und zeigt ihre untrennbare Verbindung. Beide Skulpturen tragen inhaltlich und formal dem architektonischen Geist des Gebäudes zwischen Klassizismus und Neorenaissance Rechnung. Die Plastiken stehen visuell und konzeptuell im Dialog. Der Mensch ist Ausgangspunkt und Ziel allen naturwissenschaftlichen Dranges und bildet auch in der Kunst den Mittelpunkt. Ihm gegenüber steht die Weisheit, die zur Erkenntnis führt. Hier verkörpert durch die Eule. Selbst die „Weisheit“ wird durchleuchtet, analysiert und neu zusammengesetzt.
Die schichtweise Zerlegung und transparente Wiederzusammenfügung der Figuren kann als Verweis auf die Geschichte des Gebäudes gelesen werden. Auch hier gibt es palimpseste Übermalungen, Überformungen und überlagerte Zeitschichten der verschiedenen Umnutzungen.