Wissenschafts- und Restaurierungszentrum (WRZ) der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg (SPSG)
Zimmerstraße 10-11
14414 Potsdam
Lage | location: google.maps

Kunst und Bauen | public art: permanent installation
winning draft in competition

Dimensionen: 3 Treppenhäuser / staircases

Technik:
DigiGraphie auf Wand kaschiert,
partiell mit Muschelgold gefasst

Technique:
DigiGrapie, laminated to the wall,
partially with shell gold setting

Realisiert: 2017

Architecture: staab architekten, Berlin

Presse | press:
Der Tagesspiegel, 31. Juli 2017

www.spsg.de
www.staab-architekten.com

 

Freilegung

DE

Ein Fragment funktioniert als Wahrheitsträger. Es ist unzweifelhaft original und steht für das Unverfälschte, Ursprüngliche, Wahrhaftige. Es ist die Gedankenstütze, die es dem Betrachter erlaubt Fehlstellen mit Fantasie zu füllen. Das Fragment ist Verdichtung durch Reduktion. Unwesentliches wird wichtig und Wesentliches muss hinzugedacht werden. Dabei überbietet das ästhetische Fragment überbietet das ursprüngliche Gesamtkunstwerk, denn erst durch seine Herauslösung aus dem zumeist überladenen Kontext kann es seine volle Schönheit und Wirkung entfalten.

Die drei Treppenhäuser des Gebäudekomplexes wurden um weitere Fenster ergänzt, um Durchblicke in die Geschichte der preußischen Schlösser und Sammlungen der Stiftung. An den Wänden sind Probeachsen gelegt, um verborgene Wandmalereien freizulegen. Es sind Fragmente von Dekorfriesen, Gemälden, Tapisserien und matt schimmernden Vergoldungen. Denn Restaurierung beginnt zumeist mit solchen Probeachsen, also mit der fragmentarischen Freilegung der Zeitschichten in einem geometrisch begrenzten Bereich.
Der Besucher wirkt irritiert. Eine solche Fülle von wiederentdeckten Architekturfassungen unter dem Innenanstrich eines zumal äußerlichen Neubaus hätte er nicht erwartet.
Tatsächlich handelt es sich hierbei um Detailaufnahmen, angefertigt in den Schlössern und Sammlungen der Preußischen Stiftung. Diese Ausschnitte werden als scheinbare Probeachsen wie Freilegungen präsentiert. Ihre direkte Platzierung auf die Wand, ihre unvermittelte Verteilung und ihre fragmentarischen Formate machen sie zu keiner Zutat, sondern sind zweifelsfrei als Freilegung von etwas vorher da Gewesenem erkennbar. Ihre kompositorisch ausgewogene Setzung und dennoch dynamische Verteilung schafft Räume mit hohen Erlebniswert, sowie reicher Fern- und Nahwirkung. Durch die „freigelegten“ historischen Zitate wird der Neubau mit der preußischen Geschichte verwoben und bekommt schon bei Einweihung die Aura einer Jahrhunderte alten Vergangenheit, die hier und da durch den neuen Anstrich blitzt.
Die Installation soll außerdem die Frage provozieren, wie mit Bau- und Kunstgeschichte umzugehen ist. Soll der Wahrheitsgehalt des Fragments durch Ergänzung vervollständigt und damit historisch verfälscht werden? Oder ist die fragmentarische Erscheinung des Originals ein ebenso schützenswerter Zustand, eine „Respektierung des Bestandes“ wie es die Charta von Venedig 1964 beschreibt.