Justizzentrum Potsdam
Jägerallee 10 -12
14469 Potsdam
Lage | location: google.maps

Kunst und Bauen | public art: permanent installation

Dimensionen:
100 Kranich-Silhouetten mit Flügelspannweiten zwischen 0,4 – 1 m

Technik:
Edelstahlblech, unterseitig spiegelpoliert

Dimensions:
100 silhouettes of cranes with variable wingspans between 0,4 m and 1 m

Technique:
stainless steel sheets, mirror polish on underside

realisiert: 2011

Publikation:
HŒHERE INSTANZEN, R. Fuhrmann, 2011

Presse:
Brandenburger Landesbetrieb Bauen
Märkische Allgemeine Zeitung

www.sta-potsdam.brandenburg.de
www.blb.brandenburg.de
Friedrich Schiller: Die Kraniche des Ibykus

Hœhere Instanzen

DE

Ein Vogelschwarm überfliegt den Besucher, wenn er das Foyer des Justizzentrums Potsdam betritt. Silberne Kraniche ziehen durch den Luftraum über der Loge, schweben über die Brücke des Windfanges und kreisen über der gegenüberliegenden Sicherheitsschleuse.

Jeder kennt die „Kraniche des Ibykus“, Friedrich Schillers Ballade aus dem Jahre 1797. Er verarbeitet hier eine alte Sage aus dem antiken Griechenland. Vor Korinth fällt der Liedermacher Ibykus dem Hinterhalt von Mördern zum Opfer. Nur die im Schwarm vorbeiziehenden Kraniche sind Zeuge. Die Mörder mischen sich dann unter die Zuschauer einer Theateraufführung. Beim Gesang der Rachegöttinnen überfliegen wieder die Kraniche das Theater. Unbewusst entfährt es den Mördern: „Die Kraniche des Ibykus“. Damit haben sie sich selbst entlarvt und werden gefasst.

Der Zug der Kraniche – bei Schiller die Allegorie einer übergeordneten Moral, ein Appell an das eigene Gewissen und gewaltloser Vollstrecker der Gerechtigkeit – ist das identitätsstiftendes Symbol für das Justizzentrums Potsdam.
Die Kraniche als Metapher der Nemesis sind eine 2500 Jahre alte Legende, die heute wie zu Schillers Zeiten gleichermaßen fasziniert.
In der spiegelnden Unterseite des Vogelschwarmes erkennt sich der Betrachter selbst und wird von den Kranichen des Ibykus auf sein reines Gewissen befragt. In den hundertfachen Spiegelungen in mehreren Ebenen beginnen sich die Kraniche beim Durchschreiten scheinbar zu bewegen. Zudem impliziert dieser Zugvogel auf seinem Weg zwischen Sommer- und Winterquartier Ausgewogenheit, Balance und Gleichheit. So ist er Einwanderer und Einheimischer zugleich. Und er steht für grenzenlose Freiheit, ein Wort das im Bezug zur Justiz eine besondere Bedeutung erhält. Auch daran werden die Mörder des Ibykus bei ihrem unfreiwilligen Schuldgeständnis gedacht haben.

Einmal in diese Idee eingestiegen ergeben sich neben den inhaltlichen Bezügen auch vielschichtige sachliche Verbindungen mit diesem Ort. So war Karl Friedrich Schinkel – der Architekt dieses Gebäudes – ein großer Bewunderer Schillers und hat auch für seine Theaterstücke Bühnenbilder entworfen. Beide Familien waren befreundet und über die Familie von Wolzogen sogar verwandtschaftlich verbunden.
Schillers Ballade spielt in der klassischen Antike und schlägt damit eine Brücke zur Architektur dieses Gebäudes, das Schinkel mit klassizistischen Stilmerkmalen versah.
Auch der Kranich selbst hat einen Bezug zu Brandenburg. Hier leben etwa 1.600 Brutpaare und damit ein Drittel des Bestandes in Deutschland. Er ist ein mythologisch durchweg positiv besetzter Vogel, dem eine gewisse Intelligenz nachgesagt wird. In Fabeln steht er für das Aufzeigen menschlicher Ungerechtigkeit und Undankbarkeit.
Schiller glaubt in dieser Ballade an das Theater und die Wirkung der Künste als moralische Instanz mit großer pädagogischer Kraft. Die suggestive Wirkung des Theaterstückes rüttelt das Gewissen der Täter wach und die Kraniche konfrontieren sie erneut mit der Tat.

Schillers Ballade läuft als vertikales Textband über die gesamten 8 m Raumhöhe. Dieses Textband bildet gleichzeitig das optische Pendant zum gläsernen Aufzug gegenüber.
Das Motiv der ziehenden Kraniche setzt sich im Verbindungsgang vereinzelt fort und taucht im gesamten Gebäude auf. In dem rein zweckbestimmten Justizgebäude wird die kraftvolle Form des Vogelfluges als identitätsstiftende Irritation und willkommene Ablenkung empfunden.